Skateboarding zwischen Subkultur und Olympia

LNDSKT-Mitinhaber Veith Kilberth ist Mitherausgeber eines Bands zum Thema Skateboarding und Olympia. In dem Band wird die Entwicklung des subkulturellen Skateboarding zu einer Wettkampf-Sportart aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen betrachtet. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Entwicklung auch Auswirkungen auf die Gestaltung von Skateparks haben wird. Veith analysiert in seinem Beitrag das olympische Terrain ‚Street’ und ‚Park’ in dem er die geschichtliche Entwicklung bis heute rekonstruiert, die Versportlichung nachzeichnet und Perspektiven ableitet.

 

Hier die Vorstellung des Bands:

Skateboarding zwischen Subkultur und Olympia

Eine jugendliche Bewegungskultur im Spannungsfeld von Kommerzialisierung und Versportlichung
Von Jürgen Schwier und Veith Kilberth

Seit Jahrzehnten versuchen Akteure und Institutionen aus verschiedenen Bereichen Skateboarding für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Die Praxis verändert sich ständig, differenziert sich in verschiedene Stilrichtungen aus und manövriert auf den verschiedenen Feldern zwischen selbstbestimmter Bewegungskunst, ökonomischen Anreizen und der Fremdbestimmung der Versportlichung.

Mit der Olympia-Teilnahme 2020 in Tokio erreicht Skateboarding den vorläufigen Höhepunkt der fortschreitenden Versportlichung in Richtung eines Leistungssports. Das bringt die jugendkulturelle Bewegungspraktik mehr denn je in ein Spannungsverhältnis zwischen Subkultur und Kommerzialisierung.

Es scheint als prallen zwei Welten aufeinander: ‚Skateboard Bundestrainer’, ‚Olympia-Kader’, ‚Skateboard Kommission‘, ‚Regional Stützpunkte’, ‚Vereinszugehörigkeit‘, Doping-Kontrollen‘ – große Teile der Skate-Szene spüren, dass die Terminologie des Leistungssports im Kontext von Skateboarding befremdlich wirkt und irgendetwas nicht stimmt. Längst ist der Szene bewusst, dass sich mit Tokio 2020 nicht ein weiterer kommerzieller Groß-Event à la X Games ankündigt, sondern mit Olympia auch die Institutionalisierung von Skateboarding als Leistungssport einhergeht. Ein Unbehagen verbreitet sich innerhalb der Skateboard-Szene und befeuert einen kritischen Diskurs.

Für viele Protagonisten steht nicht weniger auf dem Spiel, als die Identität von Skateboarding neu zu verhandeln. Es stellt sich die Frage, wer von dieser Entwicklung profitiert und wer die möglichen Verlierer sein werden?

Dieses enorme Spannungsfeld liefert Grund genug, sich dem sonst so intuitiven Skateboarding auf einer analytisch-rationalen Ebene anzunähern und die Situation wissenschaftlich zu erfassen. Eine theoretische Betrachtung der gegenwärtigen Situation kann dazu beitragen die dahinter liegenden Strukturen und Wirkungszusammenhänge besser zu verstehen. Dazu nimmt Skateboarding zwischen Subkultur und Olympia aus verschiedenen kultur- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven den Wandlungsprozess von Skateboarding ins Visier und versammelt zehn Beiträge von internationalen Autoren, die um das Thema Skateboarding und Olympia kreisen.

Der von Jürgen Schwier und Veith Kilberth zusammengestellte Sammel-Band, analysiert die aktuelle Situation, bringt neue Erkenntnisse zum Vorschein und zeigt Zukunftsperspektiven auf. Im Rahmen der Untersuchungen werden von insgesamt elf Autoren in den wissenschaftlichen Disziplinen Architektur, Kultur, Pädagogik, Philosophie, Publizistik/Kommunikation, Soziologie und Sport u.a. folgende konkrete Aspekte diskutiert:

  • wie Pontus Alv mit seiner Unternehmung Polar und DIY-Projekten als Gegenbewegung zu Street League (SLS) und Versportlichung gelesen werden kann,
  • warum Halfpipe für Olympia die logische Alternative zu ‚Park‘ als Transition-Terrain gewesen wäre,
  • wie sich das vertikale Skateboarding mit der Disziplin ‚Park’ neu erfinden konnte,
  • warum Street-SkaterInnen in der Stadt auch als kreative ‚Stadtmacher‘ gesehen werden können und wie Städte davon profitieren könnten,
  • warum die SLS SkaterInnen Real Street Video Footage sammeln müssen, um ihre Szene-Zugehörigkeit zu dokumentieren,
  • wie SkaterInnen von der Versportlichung und Kommerzialisierung profitieren und dabei gleichzeitig ihren ‚subkulturellen’ Bezug zur Szene wahren können,
  • warum Skateparks nie das Real Street Skateboarding ersetzen werden,
  • wie aus philosophischer Sicht laut Antoine Cantin-Brault Skateboarding durch die Versportlichung ein Werkzeug der Unterwerfung wird,
  • was der Shit Storm auf die Brigitte-Redakteurin Bianka Echtermeyer aus kulturwissenschaftlicher Sicht über die Skateboard Community aussagt,
  • ob es aus pädagogischer Sicht grundsätzlich sinnvoll ist, Skateboarding in den Schulunterricht zu integrieren.

Das Buch richtet sich an alle Leserinnen und Leser, die sich wissenschaftlich mit Skateboarding beschäftigen, aber auch an diejenigen, die ein allgemeines Interesse am Thema haben.

Das 224-seitige Buch erscheint am 27.08. im transcript Verlag und ist hier erhältlich.

 

Über die Autorinnen und Autoren

Bindel, Tim. Professor für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Forschungsschwerpunkte: Sportpädagogische Jugendforschung, Sportethnographie, Sport in sozialer Verantwortung, Intergenerationalität.

Bock, Katharina, Dr. phil. Soziologin (Ph.D.), Linguistin und Publizistik-/Kommunikationswissenschaftlerin (Magistra Artium), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Hildesheim. Forschungsinteressen: Jugend-, Szene und Interaktionsforschung, Wissens- und Mediensoziologie.

Borden, Iain. Professor für Architektur und Stadtkultur sowie Vize-Dekan an der Bartlett School of Architecture des University College London (UCL). Forschungsschwerpunkte:
Alltägliche Aneignungspraktiken im Stadtraum, Skateboarding im urbanen Raum, Architekturgeschichte, Inszenierung von Städten und Landschaften im Film.

Butz, Konstantin, Dr. phil. Amerikanist und Kulturwissenschaftler, künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien Köln. Forschungsschwerpunkte: Pop-, Sub- und Gegenkulturen sowie (un-)populäre Literatur.

Cantin-Brault, Antoine. Professor für Philosophie an der Université de Saint Boniface in Winnipeg. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Deutsche Philosophie, Griechische Philosophie, Metaphysik, Ethik und Politik, Philosophie der Musik.

Kilberth, Veith. Diplom-Sportwissenschaftler, ehemaliger professioneller Skateboarder, Mitinhaber des Planungsbüros für Skateparks Landskate GmbH und geschäftsführender Mitinhaber der fine lines marketing GmbH sowie Doktorand an der Europa-Universität Flensburg. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Jugendmarketing, Trendsport, Skateboarding und Skateparks.

Peters, Christian, Dr. phil. Diplom-Sportwissenschaftler, Geograph, Lehrer am Werner-Heisenberg-Gymnasium Leverkusen, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Sportgeographie, urbane Bewegungskulturen, Sport und Raum, Urbanität.

Pick, Niklas Master of Education in den Fächer Mathematik und Sportwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal, aktiver Skateboarder. Forschungsschwerpunkt: Skateboarding als Thema des Schulsports. Die pädagogische Betrachtung einer Subkultur.

Schweer, Sebastian. Master der Soziologie sowie der Literaturwissenschaft, Mitglied des PhD-Nets »Das Wissen der Literatur« (HU Berlin) mit einem Promotionsprojekt zu Erinnerungskulturen und Ideologiekritik im Gegenwartsroman, Monographie: Skateboarding zwischen urbaner Rebellion und neoliberalem Selbstentwurf (2014). Forschungsschwerpunkte: Politische Theorie, Urban Studies, (Soziologie der) Kritik, Erinnerungs- und Subkulturen, Krisennarrationen sowie Gegenwartsliteratur.

Schwier, Jürgen. Professor für Bewegungswissenschaft und Sport sowie Vizepräsident für Studium und Lehre an der Europa Universität Flensburg. Forschungsschwerpunkte: bewegungs- und sportbezogene Jugendforschung, Schulsportforschung, Entwicklung des Trendsports, Sport und digitale Medien, Sportkommunikation.

Velten Schäfer, Eckehart, Dr. phil. Historiker und Journalist. Promotion an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit einer Arbeit über die Genealogie eines postmodernen Sportsubjekts am Beispiel des Skateboardfahrens seit 1960. Besondere Interessensgebiete sind die Soziologie des Körpers, des Raumes und die Praktiken jugendkultureller Selbstbildung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

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